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Menschen und ihre Geschichten 99 Tage

Eine Reise durch Europa hat immer mit Heimat und Identität zu tun. Was bedeutet Europa für die Menschen, denen ich unterwegs begegne? Wo hört Europa auf? Wie verändert sich aus den Ecken unseres Kontinents meine Perspektive auf das eigene Land? Wie stehen die Menschen zum wirtschaftlich so mächtigen Deutschland?

So hatte ich vor der großen Tour eine gute Portion Skepsis im Gepäck: Würden wir in Griechenland wegen der dortigen Krise auf antideutsche Ressentiments stoßen, würde der Bulli in Albanien oder Bosnien über Nacht geklaut werden? Besonders der erste Reiseabschnitt von Istanbul durch den Balkan zeigte mir jedoch Erstaunliches: Deutschland ist für die allermeisten Menschen, die ich kennenlernte, das große Vorbild, das Leben in unsrem Land der große Traum. So viele von ihnen haben hier zeitweise gelebt, haben studiert, Jahrzehnte hart gearbeitet oder zumindest einmal Verwandte besucht.  

Da war in Griechenland das Zimmermädchen in Joaninna mit ihrem unverkennbar badischen Akzent aus 12 Jahren Leben in Mühlacker, da gibt es an der albanischen Grenze die Bäckereichefin, die noch heute vom Rheinland als ihrer Heimat spricht, obwohl sie als Teenager mit ihren Eltern zurück nach Griechenland ziehen musste. In den wilden nordalbanischen Bergen traf ich auf ein junges Mädchen, das  aus eigenem Antrieb in sechs Jahren die deutsche Sprache gelernt hat – ohne einen Lehrer, ohne ein Lehrbuch, nur übers Fernsehen. Und in Bosnien traf ich Dutzende von Menschen, denen Deutschland während des Bürgerkriegs jahrelang Zuflucht geboten hat.

Mitten in Berlin traf ich einen liebenswerten älteren Herrn, der 70 Jahre zuvor in derselben Stadt als deutscher Jude mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern den Nazi-Terror auf wundersame Weise in der Illegalität im Untergrund überlebt hat. Seit vielen Jahrzehnten lebt er in Stockholm, doch Schweden sei für ihn nur der Ort zum Ausruhen, richtig aufleben würde er bei seinen Freunden in Berlin. Auf einer kroatischen Insel begegnete ich einer Österreicherin, die über 20 Jahre in Bolivien als Dokumentarfilmerin lebte und nun in einer winzigen halbverlassenen Ortschaft mit einem kroatischen Seemann glücklich zusammen lebt. Heimat ist dort, wo das Herz sich wohl fühlt – egal wo in Europa.